Marina Schuster berichtete an dieser Stelle regelmäßig über ihre Eindrücke aus den USA im Vorfeld der Präsidentschaftswahl. In ihrem letzten Blog schildert sie ganz persönlich wie sie die Wahlnacht in Chicago erlebte.
Ich stehe in Chicago, im Grant Park. Hinter mir die beleuchtete Skyline dieser schönen Stadt, umgeben bin ich von geschätzt einer Million Menschen. Auf Großleinwänden wird CNN übertragen, minütlich neue Hochrechnungen oder Wahlanalysen über Wählerstrukturen, die Swing States und die Stimmung im Land. Bei jedem Sieg von Obama in einem Bundesstaat wird gejubelt, so laut, es ist gefühlt fünf Mal so laut wie bei der Fußball-WM. Es ist unglaublich, wie viele Menschen hierher gekommen sind. Meine Kollegin aus Mazedonien meint, die Hälfte der Einwohner ihres Landes seien hier versammelt.
Und jetzt ist es 22 Uhr und CNN erklärt nach den aktuellen Hochrechnungen den Sieg. Und jetzt wird gejubelt, wildfremde Leute fallen sich um den Hals, Menschen weinen vor Freude. Jetzt ist die Stimmung um vielfaches intensiver als bei einem Deutschlandsieg im WM-Finale.
Die Straßen sind überfüllt, Autoschlangen verursachen ein Verkehrschaos. Alles kann man von großen Leinwänden aus verfolgen. Vielen wird jetzt klar: Das sind Momente, die sie nie im Leben vergessen werden. Die Handynetze sind überlastet, ich will meinen Bruder anrufen, aber nichts geht durch, auch nicht eine SMS. Jetzt tritt McCain vor die Kamera in Arizona. Seine Worte sind wohl überlegt, kein Versprecher, er muss seine Wähler beruhigen, die bei Obama sofort „buh“ rufen wollen.
Aber Hut ab, McCain hat wirklich Format! Er ist ein Verlierer mit Charakter und Persönlichkeit, wow. Diese Rede von ihm schreibt genauso Geschichte wie der Sieg von Obama und er endet, wie jede Rede an einem solchen Tag enden muss: God Bless America.
Und dann warten alle auf die Rede von Obama. Die Jubelrufe hören nicht auf, man sieht auf Großleinwänden den Bürgerrechtler Jesse Jackson weinen und auch der Talkmasterin Oprah Winfrey kommen die Tränen. Music spielt, es herrscht eine Riesenstimmung, aber dort, wo wir stehen, kann ich außer zwei Großleinwänden gar nichts erkennen. Nur Menschen, überall. Dann kommt Obama. Ob jetzt noch jemand glaubt, dass nicht alles möglich ist?
So viele haben das erste Mal gewählt. „Their voices are different, change has come to America.” Der neugewählte Präsident dankt allen, “and the love of his life Michelle”, dem Campaign Manager. Er richtet sich an alle: “I will be honest to you. I will listen to you. I need your help.”
A new spirit. Ja, a new spirit is born.
Und auch ich bin ergriffen. Ich war gerührt, als er die Geschichte erzählt von der 106jährigen Frau, die heute gewählt hat und die nur eine Generation nach der Sklaverei geboren wurde und wegen ihrer Hautfarbe nicht wählen durfte und auch weil sie eine Frau war. Er zieht viele geschichtliche Parallelen, auch der Fall der Mauer kommt zur Sprache. Diese Nacht werde ich nicht vergessen.







