
Harald Leibrecht
Die Geschichte hat gezeigt, dass das Leugnen von realen Gegebenheiten und veränderten Bedingungen im Ergebnis nicht funktioniert. Zwar scheint es gelegentlich einfacher, Veränderungen, die einem nicht passen, einfach zu ignorieren, aber erfolgreich ist diese Strategie am Ende noch nie gewesen.
Eine dieser Veränderungen ist die Tatsache, dass sich die Prinzipien und Ideen nach denen die Weltgemeinschaft funktioniert, in den letzten 20 Jahren grundlegend geändert haben. Außenpolitisches Denken und Handeln in rein geographischen Einflusssphären ist ein Relikt des Kalten Krieges und heute überholt. Angesichts der Globalisierung verlieren geographische Faktoren an Bedeutung. Was heute zählt, sind Inhalte und vor allem starke Institutionen, die aber natürlich immer in einem geographischen Kontext zu sehen sind. Da Grenzen heute immer durchlässiger werden, ist dieser jedoch nur noch zweitrangig.
Russland scheint diese Entwicklung entweder noch nicht bemerkt zu haben oder aber weigert sich schlicht, diese anzuerkennen und in seine Außenpolitik mit einzubeziehen. Das hat man wieder jüngst in Moskaus massiven Widerstand gegen die gerade beschlossene „Östliche Partnerschaft“ der Europäischen Union gesehen. Im Kreml denkt und handelt man immer noch in geostrategischen Dimensionen und Einflusssphären. Dabei sieht man bei Russland selbst, wie wenig sich heute geographische Größe in tatsächlicher Macht widerspiegelt. Das Gegenbeispiel liefert die Europäische Union. Hier haben große wie kleine Staaten die gleiche Stimme, mit dem Ergebnis, dass in bestimmten Fällen auch kleinere Länder einen nicht unerheblichen Einfluss ausüben, wie wir mehrfach in der letzten Zeit gesehen haben.
Was heute zählt, ist im richtigen „Club“ zu sein und möglichst viele andere Partner zu haben. Das heutige Zauberwort für Macht und Einfluss heißt Kooperation. Und das entscheidende Bindeglied für Kooperationen sind Kompromisse und überlappende inhaltliche Interessen. Das betrifft sowohl den sicherheitspolitischen als auch wirtschaftlichen Bereich. Heute denkt man nicht mehr in Nullsummen-, sondern in Win-Win-Kategorien.
So lange sich Russland weigert, diese Entwicklungen anzuerkennen und weiterhin versucht, Politik basierend auf überholten Dogmen zu machen, wird es keine außenpolitischen Erfolge verzeichnen können. Bündnisse mit Russland sind derzeit nicht attraktiv, solche mit der Europäischen Union dagegen schon. Das wissen die Partnerländer der „Östlichen Partnerschaft“. Im Gegensatz zu Russland scheinen sie verstanden zu haben, nach welchen Prinzipien die außenpolitische Welt heutzutage funktioniert. Russland kann dagegen wettern so viel es will, so lange es auf überholten Ideen beharrt, bleiben die anderen Länder auf der Überholspur – trotz Russlands eigentlich vielfach größeren Möglichkeiten.
