Im Grundgesetz der Bundesrepublik führt, gemessen an diesem historischen Vorbild, das Petitionswesen ein eher verborgenes Dasein. Petitionen, in Art. 17 Grundgesetz verfassungsrechtlich verbrieft, werden in einem eigenen Ausschuss beraten und behandelt. Zwar ist der Petitionsausschuss, in Art. 45 c GG erwähnt, immerhin einer der vier Verfassungsausschüsse, der zudem eine Sonderstellung dadurch genießt, dass ihm kein Ministerium gegenübersteht. Andererseits aber wirkt er überwiegend im Verborgenen.
In der 16. Legislaturperiode trat er mit der Einrichtung öffentlicher Petitionen etwas stärker ins Rampenlicht: seither können Petitionen auf einer eigenen Homepage des Petitionsausschusses unterstützt werden, in Diskussionsforen können die Bürger an der Meinungsbildung mitwirken. Die Petitionsseiten des Bundestages erzielen die höchsten Zugriffszahlen aller Webseiten des Parlaments. Sechs Petitionen fanden über 100 000 Unterstützer, zahlreiche weitere immerhin noch über 50 000 Mitzeichner. Findet eine öffentliche Petition bei Einreichung oder innerhalb dreier Wochen nach der Einreichung mindestens 50 000 Unterstützer, kann eine öffentliche Anhörung des Hauptpetenten im Petitionsausschuss stattfinden, wenn der Ausschuss nicht mit Zweidrittelmehrheit etwas anders beschließt.
Die Bundesregierung aus CDU/CSU und FDP wird nun einen weiteren Schritt tun: nach dem Willen der FDP sollen Petitionen, die bei ihrer Einreichung oder innerhalb zweier Monate seit Einreichung von mindestens 100 000 Menschen unterstützt werden, öffentlich in einer “Bürgerstunde” im Plenum debattiert und zur anschließenden Beratung in die zuständigen Fachausschüsse überwiesen werden. Erst nach dieser “Ehrenrunde” sollen diese Petitionen in die öffentliche Anhörung des Hauptpetenten im Petitionsausschuss münden. Abschließend beschließt der Petitionsausschuss, wie bisher, in nichtöffentlicher Sitzung über die endgültige Behandlung der Petition.
In Zeiten, in denen es Mode geworden ist, sich von den Parteien, der Politik und sogar der Demokratie selbst abzuwenden, will sich das Parlament mit dieser Geste den Menschen stärker zuwenden. Die Bürger sollen stärker in die parlamentarischen Vorgänge eingebunden, ihre Themen unmittelbar den Weg ins Plenum des Deutschen Bundestages, die Kronkammer unserer parlamentarischen Demokratie, finden können. Es macht in der öffentlichen Wahrnehmung einen Unterschied, ob eine Bundestagsfraktion oder ob 100 000 Bürger eine Debatte auf die Tagesordnung einer Sitzungswoche bringen. Die Anliegen der Bürger werden nicht im Schatten dunkler Ausschusssitzungssälen beraten, sondern unter dem Sonnenlicht der Reichstagskuppel. Diese Änderungen bewirken ein Stück unmittelbarer Demokratie. Der Deutsche Bundestag ist schon heute eines der transparentesten und durchsichtigsten Parlamente der Welt – in seiner Architektur und in seinen Verfahrensweisen. Er wird jetzt auch permeabler und durchlässiger für die Bitten und Beschwerden der Menschen. Und dabei ist, wie gezeigt, die Idee so neu nicht: der Bundestag kehrt mit diesen Änderungen zu seinen Wurzeln zurück.
Ihr
Stephan Thomae

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“[...] Mode geworden ist, sich von den Parteien, der Politik und sogar der Demokratie selbst abzuwenden” – das war gestern.
Wer heute jung und ungebunden ist, und etwas kann, insbesondere: etwas weiter denken, wendet sich konsequenterweise gleich ganz von Deutschland ab.
Mit der heutigen Zustimmung der FDP zur perfiden CDU/CSU-Idee, den Zivil-Zwangsdienst auf ein Jahr zu verlängern (natürlich “rein freiwillig”, die verdiente FDJ-Aktivistin Merkel kennt sich da gut aus), hat die FDP dazu einen weiteren großen Beitrag geleistet.
Dem angekündigten Kaputtsparen dessen, was der reformatorische Aktivismus vom universitären Bildungswesen noch übrig ließ, wird sie sich ebensowenig verweigern wie der staatlichen Absicherung von Spekulationsgewinnen, der Beibehaltung des überkomplizierten Steuersystems mit seinen tausenden Steuerschlupflöchern und Wohltaten für ausgewählte Klientelgruppen, …
Nachdem die CDU/CSU nun offen ernsthafte Steuerreformen grundsätzlich ausschließt, kann man wohl nur noch vom Wegfall der Geschäftsgrundlage sprechen. Mehr als ein paar liberale Tupfer auf Nebenschauplätzen und das Häufchen Pöstchen für FDPler sind vom liberalen Aufbruch nicht übriggeblieben.
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Da helfen auch keine populistischen Reförmchen in den Verfahrensweisen – im Gegenteil: Das Petitionsrecht ist ein Relikt aus der Feudalzeit – das Recht eines Untertanen, sich direkt an den Souverän zu wenden.
Nun ist der Souverän in Deutschland das Volk. Im Bundestag sitzen seine Vertreter. Wenn letztere einen Popanz aus einer Selbstverpflichtung machen, die regelt, unter welchen Umständen sie sich feierlicherweise dazu herablassen werden, Themen zu besprechen, die ersterem auf den Nägeln brennen – ist es schon weit gekommen.
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Jedes Jahr wandern grob so viele junge, hochqualifizierte Menschen mit Eigeninitiative und -verantwortung dauerhaft aus Deutschland aus, wie die FDP Mitglieder hat. Aus einem Land, das für sie keine interessante Perspektiven, keine Zukunft mehr anzubieten hat.
Meinen Sie ernsthaft, dass die in ein hoffnungslos überschuldetes Land, das ihnen den Großteil des Einkommens abknüpft, ein massivst unterfinanziertes Bildungs- und Forschungswesen zumutet etc. – zurückkehren wollen, nur weil der Bundestag sich jetzt ausnahmsweise tatsächlich mal mit was zu befassen geruht, was ohnehin auf der Tagesordnung stehen sollte?
12 Monate “freiwillige” Zwangsarbeit und das Recht, unter gewissen Vorbedingungen von der Obrigkeit zur Kenntnis genommen zu werden – deutlicher kann die FDP jungen Bürgern nicht machen, dass letztere in den Augen ersterer eben nur Untertanen sind.
(Und bevor irgendwer schlaumeiert: Ja, nominell wird der Zivildienst “verkürzt” – und jeder Träger kann seine halbwegs attraktiven Stellen an die Bedingung knüpfen, dass der Zivi 3-6 weitere Monate für ‘n Appel und ‘n Ei “freiwillig” weiter fronleistet.)
Wenn in der FDP, in einer Zeit in der uns “Bürgern” von unseren “Vertretern” der größte Schuldenberg der Geschichte aufgebürdet wird, solche Themen wie das Petitionsrecht, ein wirkliches Relikt aus der Feudalzeit, geblogt werden, dann vielen Dnak für Ihren unermüdlichen Einsatz für ihre Auftraggeber(Bürger).
*”Wer heute jung und ungebunden ist, und *etwas kann, insbesondere: etwas weiter *denken, wendet sich konsequenterweise gleich *ganz von Deutschland ab.”
Ich kann meinem Vorredner nur Recht geben.
Ich habe selbst den Weg in Ausland gesucht weil die Rahmenbedingungen in D für Unternehmer einfach viel zu schlecht sind. In der Schweiz ist man viel flexibler, so das selbst höhere Kosten dafür wohlwollend in Kauf genommen werden.
Jetzt auch noch die Zustimmung zu Finanztransaktionssteuer. Die FDP verrät sich immer mehr selbst und lässt sich von den Populisten und Journalisten jagen und vorführen und wird damit immer mehr zum Bettvorleger der CDU/CSU/SPD.
Daher ist der Rücktritt von Schäffler heute nur konsequent! Leider scheinen seine Kollegen hier nicht alle soviel Mumm zu haben, wie er!
Die gesamte Finanzmarktdiskussion ist eh ein populistisches Schreckgespenst. Es gibt zur genüge wissenschaftliche Untersuchungen das eben Leerverkäufe, etc. einen wichtigen ökonomischen Nutzen haben. Die versammelten Lehrer und Rechtsanwälte des Bundestags sollten mal mehr Bries, Lioui, Marsh und Niemer lesen anstatt TAZ.